Zwischen Abschied und Aufbruch

Wer wohnt denn da? Sie wollten längst in Australien leben. Stattdessen standen sie kurz vor der Hochzeit plötzlich ohne Zukunftsplan da: Flüge gestrichen, Grenzen geschlossen, Jobs gekündigt. Doch Daiana und Justin liessen sich nicht entmutigen. Die Geschichte eines Paares, das Krisen meisterte, einer ukrainischen Flüchtlingsfamilie ein Zuhause gab – und nun nach fast fünf Jahren im Goldregenweg 8 endgültig den Sprung nach Australien wagt.

Ein Zuhause auf Zeit – und doch ein Zuhause fürs Leben

Seit Ende 2021 leben Daiana und Justin Chaplin in der BBZ. Dort haben sie nicht nur ihre eigene Wohnung gemietet, sondern auch die Wohnung direkt nebenan. In dieser lebt heute eine ukrainische Mutter mit ihrer Tochter, für die das Paar bürgt und die durch ihre Unterstützung in der Siedlung ein neues Zuhause gefunden haben.

Die Verbundenheit mit der Genossenschaft reicht bei Daiana jedoch deutlich weiter zurück. Früher lebte sie in der BBZ-Siedlung im Käferholz 196. Später zog sie nach Schwamendingen in die Wohnung ihrer Mutter Claudia di Dio, während diese ihre frühere BBZ-Wohnung übernahm und dort bis heute lebt. Als Daiana und Justin ursprünglich nach Australien auswandern wollten, gaben sie ihre damalige Wohnung auf. Nach dem pandemiebedingten Scheitern ihrer Pläne lebten sie zunächst in der Airbnb-Wohnung einer guten Freundin in Dietikon. Als klar wurde, dass der nächste Auswanderungsversuch noch warten musste, wandte sich Daiana erneut an die BBZ – mit Erfolg. Das Paar erhielt eine befristete Wohnung im Goldregenweg 8.

Fluffy und Chibi – die wahrscheinlich einzigen Schildkröten der Siedlung

Wer die Wohnung von Daiana und Justin besucht, stösst auf einen besonderen Blickfang: den vermutlich grössten Wassertank im Quartier. Darin leben Fluffy und Chibi, zwei chinesische Streifenschildkröten, die längst Teil der Familie geworden sind.

Die Leidenschaft für Tiere verbindet beide seit Jahren. Vor allem Schildkröten haben es Daiana angetan: «Ich habe schon immer Schildkröten gewollt, war aber auch immer viel unterwegs und am Reisen, daher hat es sich nie ergeben.»

Als die Pandemie begann, besuchten die beiden eine von Daianas Schwestern im Tessin. Das Thema kam erneut auf den Tisch. Justin reagierte pragmatisch: «Why not?!»

Was folgte, war eine vierstündige Suche durch verschiedene Zoofachgeschäfte. Am Ende entschieden sie sich für zwei völlig unterschiedliche Tiere: Justin wählte die aktivste und wildeste Schildkröte aus dem Becken, Daiana jene, die schüchtern in einer Ecke sass. Gemeinsam reisten die beiden kleinen Schildkröten mit dem Zug von Varese nach Zürich.

«Am Anfang haben sie gerade mal in eine Hand gepasst,» erinnert sich Daiana. Heute sind Fluffy und Chibi zwei stattliche Schildkröten. Mit ihnen wuchs auch ihr Zuhause. Für den mittlerweile sehr grossen Tank erhielt das Paar von der BBZ sogar eine Sondergenehmigung – möglich war dies nur dank der Erdgeschosswohnung.

Doch nun steht eine schwere Entscheidung bevor: Weil Daiana und Justin im Herbst nach Australien auswandern, suchen sie für Fluffy und Chibi ein neues Zuhause. Daiana und Justin haben einen Wunsch für die beiden: «Am besten mit Teich. Denn eigentlich sind sie schon jetzt zu gross für ihren Tank.»

Wer den beiden Schildkröten ein neues Zuhause bieten kann, darf sich gerne melden.

Eine Liebe zwischen zwei Kontinenten

Die Geschichte von Daiana und Justin begann 2018. Beide waren damals Anfang zwanzig, heute sind sie 32 Jahre alt. Schon früh war ihnen klar: «Das mit uns ist etwas für immer.»

Die grosse Frage lautete deshalb nicht, ob sie gemeinsam leben würden, sondern wo. In der Schweiz oder in Sydney, Justins Heimatstadt? Die Entscheidung fiel schliesslich zugunsten Australiens. Justin, ausgebildeter Lehrer, hatte in der Schweiz mit der Anerkennung seines Abschlusses und anfänglichen Sprachhürden zu kämpfen. Daiana hingegen fand in der Medizinbranche problemlos berufliche Perspektiven in Australien.

Doch dann kam die Pandemie.

Der Abend, an dem alle Pläne zerplatzten

Eigentlich war alles vorbereitet. Die Hochzeit in der Schweiz stand bevor. Mit viel Glück erhielt Justin sogar ein Spezialvisum, um überhaupt einreisen zu können, trotz den Anfängen der Pandamie. Die Wohnung war gekündigt, die Jobs aufgegeben, die Koffer gepackt.

Am Abend vor der grossen Abschiedsparty kam die Nachricht, die alles veränderte.

«Noch auf der Abschiedsparty mussten wir allen sagen, dass unsere Flüge gestrichen wurden und wir erstmal nicht auswandern werden,“ erinnern sich die beiden.  Australien schloss wegen der Pandemie seine Grenzen. Selbst Justin konnte vorerst nicht zurückreisen. «Das war heftig. Von jetzt auf gleich waren unsere ganzen Zukunftspläne weg.»

Was folgte, waren Monate voller Unsicherheit. Niemand wusste, wie lange die Pandemie dauern würde. Eine gute Freundin stellte den beiden ihre Airbnb-Wohnung zur Verfügung, die ohnehin kaum vermietet werden konnte aufgrund der Pandemie. Gleichzeitig musste schnell eine neue berufliche Perspektive gefunden werden. Gemeinsam mit dem RAV fand Daiana rasch eine Temporärstelle.

Der Behördenmarathon und der fehlende Zeigefinger

Zur Unsicherheit kamen unzählige Behördengänge, komplizierte Formulare und die Sorge um Justins Aufenthaltsstatus. Die beiden denken zurück an die herausfordernde Zeit: «Es war alles sehr ungewiss mit nicht enden wollenden Behördengängen, Stapeln an komplizierten Formularen, Verzweiflung und Ängsten.»

Als endlich die biometrischen Daten für Justins Aufenthaltsbewilligung erfasst werden sollten, tauchte die nächste Hürde auf. Justin fehlt seit seinem siebten Lebensjahr der obere Teil des rechten Zeigefingers. Bei einem Ferienaufenthalt in den USA war seine Hand als Kind in eine Rolltreppe geraten und ein Teil des Fingers musste amputiert werden.

Dennoch bestand die zuständige Person zunächst darauf, ausschliesslich die beiden Zeigefinger zu scannen. Alternativen seien nur mit einer ärztlichen Bescheinigung des amerikanischen Arztes möglich, der die Amputation damals vorgenommen hatte.

Zu diesem Zeitpunkt drängten die Behörden bereits auf eine Ausreise, während gleichzeitig kaum Flüge verfügbar waren. «Wir wurden mit allem sehr auf die Probe gestellt. Es war unglaublich anstrengend und kräftezehrend, aber am Ende haben wir es geschafft.»

Schliesslich wurde die offensichtliche Situation anerkannt und statt der Zeigefinger die beiden Mittelfinger erfasst. Kurz darauf traf die ersehnte Aufenthaltsbewilligung ein: «Das war eine grosse Erleichterung.» Endlich konnte das Paar etwas zur Ruhe kommen.

Besondere Geschenke und grosse Gesten

Wer mit Daiana und Justin spricht, merkt schnell: Ihre Beziehung lebt von vielen Aufmerksamkeiten.

Justin überraschte seine Frau über die Jahre immer wieder mit aussergewöhnlichen Geschenken. Zur Hochzeit schenkte er ihr eine japanische Toilette – inklusive beheiztem Klodeckel und verschiedenen Komfortfunktionen, die in die Wohnung im Goldregenweg einziehen durfte. Noch persönlicher war jedoch ein eigens entworfenes Lego-Set: Auf der einen Seite Daianas Schlafzimmer in der Schweiz, auf der anderen Justins Schlafzimmer in Australien. Dazwischen lediglich die Fenster eines Flugzeugs. «Das war, als wir noch nicht fest zusammen gewohnt haben,» blicken die beiden zurück.

Damals telefonierten und facetimten die beiden bis zu drei Mal täglich. Wegen der Zeitverschiebung stellte Justin seinen Wecker oft mitten in der Nacht. Aus der Ferne organisierte er sogar Blumen oder Daianas Lieblingsessen. Trockenblumen-Bouquets, kleine Zettel mit Liebesbotschaften und viele weitere Gesten erzählen von einer Beziehung, die auf Aufmerksamkeit und Verbindlichkeit beruht. «Für die Liebe braucht es nicht nur schöne Worte, sondern vor allem Taten,» findet Justin.  Eine Haltung, die in der heutigen schnelllebigen Dating-Kultur leider oft verloren geht.

Beruflich angekommen – auch ohne Australien

Während sich die Auswanderung verzögerte, bauten sich beide in der Schweiz ein erfolgreiches Leben auf.

Justin fand rasch eine Stelle bei den ABC Schools in Regensdorf, einer zweisprachigen Ganztagesbetreuung vom Krippenalter bis zum privaten Kindergarten.

Daiana arbeitet zu 60 Prozent als Praxismanagerin in einer Augenarztpraxis. Zusätzlich gründete sie ihr eigenes Unternehmen Valoreye. Das Unternehmen unterstützt Augenarztpraxen bei der Rechnungsabwicklung – von der Rechnungsprüfung über die Kommunikation mit Versicherungen bis hin zu Mahnwesen und Inkasso. Ziel ist es, offene Forderungen zu reduzieren und Praxen administrativ zu entlasten. Der Plan ist, das Unternehmen auch von Australien aus weiterzuführen. «Aber wie es wirklich kommt, das sehen wir dann,» meint Daiana.

Ein Zuhause für Menschen auf der Flucht

Aber nicht nur für sich selbst fanden Daiana und Justin ein Zuhause in der BBZ.

Kurz nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs nahmen sie eine ukrainische Flüchtlingsfamilie bei sich auf. Anfangs lebten alle gemeinsam in ihrer Wohnung. «Wir waren mit die Ersten, die hier in Zürich eine Flüchtlingsfamilie aufnahmen.» Als die Wohnung nebenan frei wurde, konnten Mutter und Tochter dort einziehen. Heute haben sich beide ein eigenständiges Leben aufgebaut. Die Mutter arbeitet als Gärtnerin, die Tochter absolviert eine Ausbildung zur Erzieherin.

Daiana unterstützte die Familie weit über die reine Wohnsituation hinaus. In den ersten Monaten stand sie in engem Austausch mit den zuständigen Behörden und half bei Themen wie Meldeverfahren, Krankenversicherung und weiteren administrativen Fragen: «Ich konnte dort sehr viel von meinem Wissen teilen.“

Abschied mit gemischten Gefühlen

Nach fast fünf Jahren in der BBZ beginnt nun die letzte Phase vor dem grossen Schritt nach Australien.

Die Mietverträge im Goldregenweg 8 waren stets auf sechs Monate befristet. Einerseits wegen des Alters des Hauses und der anstehenden Weiterentwicklung der Stammsiedlung, andererseits weil das Paar nie wusste, wann der nächste Auswanderungsversuch starten würde. Die Kosten dafür sind erheblich. Allein Daianas Visum bewegt sich im fünfstelligen Bereich. Im September diesen Jahres wollen sie es nun endgültig wagen.

«Jetzt heisst es vor allem ausmisten, verschenken, verkaufen und zusammenräumen. Wir wollen so viel wie möglich hier lassen.» Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren.

Familie bleibt Familie – auch am anderen Ende der Welt

Natürlich fällt der Abschied nicht leicht. Vor allem ihre vier Geschwister sowie ihre sechs Neffen und Nichten wird Daiana vermissen. Die Familie lebt heute verteilt zwischen Deutschland, der Schweiz – unter anderem in Bülach und im Tessin – sowie Frankreich.

Justin sieht die Sache mit einem Schmunzeln: «Du magst meine Eltern aber fast mehr als mich.» Und fügt einen weiteren Vorteil hinzu: «Der Strand ist auch nur 20 Minuten von unserer neuen Wohnung entfernt.»

Ganz auf Familienbesuch verzichten müssen die beiden ohnehin nicht. Daianas Mutter hat bereits einen Flug für November gebucht und wird zwei Monate in Australien verbringen. Zuvor freuen sich Daiana und Justin aber noch auf den Besuch von Justins Eltern in der Schweiz.

Die BBZ wird immer ein Teil ihrer Geschichte bleiben

In all den Jahren haben sich Daiana und Justin in der BBZ stets wohlgefühlt. Schon früher im  Käferholz, später dann im Goldregenweg 8. Auch wenn sie immer wussten, dass irgendwann der Moment für Australien kommen würde, fühlte sich die Siedlung nie wie eine Zwischenstation an.

Sie erinnern sich gerne an Generalversammlungen, an die Daiana ihre Mutter begleitete, das Gnossifest oder gemeinsame Grillabende in der Siedlung.

Und vielleicht beschreibt genau das ihre Geschichte am besten: Obwohl vieles in ihrem Leben vorübergehend war – Wohnungen, Visastatus, Auswanderungspläne oder befristete Mietverträge – schufen sie überall dort, wo sie ankamen, etwas Bleibendes.

Ein Zuhause. Für sich selbst. Für ihre Schildkröten. Für Freunde. Und für Menschen, die dringend eines brauchten.

Im September beginnt für Daiana und Justin nun das nächste Kapitel. Diesmal soll der Flug nach Australien tatsächlich starten. Doch ein Teil ihrer Geschichte wird immer hier bleiben – im Goldregenweg 8.

Hinweis: Den Gesamtbeitrag mit allen Bilder (hier bei beUnity nicht identisch darstellbar), findet ihr auf unserer Website.

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Wer wohnt denn da?

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Text und Fotos: Jennifer Maurer
Baugenossenschaft BrunnenhofOficial